Pablo Sáez

Juliana da Silva (as Sideman)

BRASILEAN JAZZ : with Henrique Gomide Piano, André de Cayres (Kontrabass) und Pablo Sáez (Schlagzeug) . Special Guest: Tony Lakatos (Sax) und Bart van Lier (Posaune)

 

Mit geschlossenen Augen die Verbindung zum Publikum finden – das gelingt nicht jeder Sängerin so bemerkenswert wie Juliana da Silva. Alles eine Frage der Ausdrucksstärke ist die Brasilianerin überzeugt. Und nicht nur sie: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete ihre Auftritte als „musikalische Ganzkörpersinnlichkeit“. Da Silva hat eine Bühnenpräsenz, die selbst neben ihrem Idol Bart van Lier nichts an ihrer Faszination einbüßt. Wenn der holländische Star- Posaunist mit der Band der Sängerin ein fulminantes Jam-Feuerwerk zwischen Jazz und Bossa Nova zündet, besteht kein Zweifel: Diese Frau gibt den Ton selbst dann an, wenn sie sich daneben stumm und wie selbstvergessen im Takt wiegt.

Gesungen hat die Tochter einer italienischstämmigen Mutter und eines Afrobrasilianers kaum dass sie sprechen konnte. Weshalb es im Hause da Silva eine eiserne Regel gab:kein Gesang während der Mahlzeiten. Kein Grund für Juliana klein beizugeben: sie singt im Kirchenchor,steht als Zwölfjährige mit ihrer Schulband erstmals auf der Bühne und heiratet mit Anfang 20 einen deutschen Musiker, für den sie von São Paulo nach Deutschland zieht.

Es folgen weitere Bandprojekte, Kollaborationen und unzählige Auftritte. „Ich habe nicht sehr viele Platten veröffentlicht, aber jede Menge Bühnenerfahrung“, sagt die Autodidaktin. Und auch wenn sie bei ihrem ersten Auftritt in Deutschland noch Lambada singen sollte, ihr musikalisches Spektrum erweitert sie schnell: Neben die Helden ihrer Kindheit wie Elis Regina, Chico Buarque, Tom Jobim oder Elizeth Cardoso gesellen sich Jazzgrößen wie Billie Holiday, Ella Fitzgerald oder Kurt Elling. Mehr und mehr verschmelzen alte und neue Einflüsse, brasilianische Tradition und der Facettenreichtum des Jazz zu einer eigenen musikalischen Handschrift.

Zugegeben, die Symbiose aus Bossa Nova und Jazz ist keine da-Silva-Erfindung, schließlich sorgten schon in den 60ern die Kollaborationen von Stan Getz mit João Gilberto oder Antônio Carlos Jobim für Furore. Letzterer unterstützte auch Jazz- Gitarrist Charlie Byrd, und Miles Davis lud Perkussionist Airto Moreira in seine Band. Aber wie bei den meisten Musikern zählt für da Silva nicht das Genre, sondern das Gefühl. „Es ist alles: Ausdruck, Gefühl, Verarbeitung von Emotionen“, sagt die

Sängerin über ihre Musik. Und ja, man darf es auch Soul nennen. Dass der mehr nach Fado als nach Funk klingt, liegt in der Vorliebe der Musikerin für schicksalhafte Geschichten: „Es müssen keine traurigen Songs sein, aber melancholische Texte“.

Die sind auf „Vai Samba Meu“ in allen Facetten zu finden. Wer Juliana da Silva für das „Girl from Ipanema“ in Jazz-Besetzung hält, irrt. Auf „Vai Samba Meu“ befinden sich neben den Songs legendärer und zeitgenössischer Brasilianer wie Tom Jobim, Moacir Santos oder Dorival Caymmi auch Eigenkompositionen da Silvas und ihrer Bandmusiker.

Mit dem Kölner Bassisten André de Cayres, der da Silva seit mehr als zehn Jahren musikalisch begleitet, ist „Casa de Caboclo“ entstanden, ein siebenminütiges Stück, das von schimmernden Klavierakkorden und hintergründig pulsierenden Percussions angetrieben wird. „Casa de Caboclo“ ist da Silvas Hommage an ihren Lieblingsonkel, den sie einst mit ihrer Familie auf ihren Sonntagsausflügen auf dem Land besuchte. Durchbrochen wird das stringente Zusammenspiel des Bandtrios von den Tenorsaxofonklängen Tony Lakatos’, dem Lebensgefährten der Künstlerin, der nicht nur mehrere Bläsersoli sowie den Song „Le Babe“ beisteuerte, sondern auch den legendären Jazz-Posaunisten Bart van Lier an Bord holte – über ihre Zusammenarbeit kann da Silva gar nicht genug schwärmen. Genauso wie über die ungarischen Musiker Mihály Farkas und Roby Lakatos, die „Vai Samba Meu“ um Zymbal und Violine ergänzen. „Das nenne ich Weltmusik“, sagt da Silva lachend.

 

 

 

Ferner interpretiert die Musikerin „Popó“ einen Song des jungen brasilianischen Musikers Chico Pinheiro über den brasilianischen Boxer Acelino Freitas – ein Song darüber, sich nach einem heftigen Schlag wieder aufzurappeln. Da Silva hatte Pinheiro „Popó“ live spielen gesehen und unmittelbar gewusst, dass dieses Stück wie gemacht sei für sie: „Das richtige Lied mit dem richtigen Ausdruck gesungen bedingt die Magie“, erklärt sie die Auswahl ihres Repertoires.

Bei der Frage, wie viel Mitspracherecht sie ihrer Band – neben Bassist de Cayres bestehend aus Multiinstrumentalist Henrique Gomide und Perkussionist Bodek Janke – einräumt, lacht da Silva: „Aber ich habe bei allem das letzte Wort“.

Trotzdem zeigt „Vai Samba Meu“ mehr als die faszinierende Ausdrucksstärke der Bandleaderin: Kein Song, der nicht die Soli des Instrumentaltrios in den Vordergrund stellt. Mal individuell und vereinzelt mit scheppernden Drums, wogendem Bass und virtuosem Klavier, dann wieder als Team, quirlig wippend oder sachte verebbend – das Gemeinschaftsgefühl gewinnt. Sicherlich auch, weil da Silva viele der Songs auf „Vai Samba Meu“ mehrfach in Live-Besetzung gespielt hat. Seit mehr als 15 Jahren hat sie ein festes Engagement im renommierten Frankfurter Jazzkeller – dort ist sie mit ihrer monatlichen Konzertreihe eine Institution.

Eine Erfahrung, von der da Silvas Album nur profitiert: Die Hingabe, mit der die Sängerin auf der Bühne steht, ist hier in jedem einzelnen Moment spürbar. Dass die elf Songs auf Portugiesisch sind, vermindert nicht ihre Magie: „Die Menschen verstehen kein Wort von dem, was ich singe, aber sie verstehen trotzdem, was der Song ihnen sagen will“, sagt da Silva über ihre Musik. Es ist eben alles eine Frage des Ausdrucks.